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Kaltenkirchen | KZ-Gedenkstätte Springhirsch

Buddeln gegen das Verdrängen und Vergessen

Kaltenkirchen (em) In den 80er Jahren war Oliver Gemballa Schüler des Kaltenkirchener Gymnasiums. Ihm waren rechtsradikale Aktivitäten in der näheren Umgebung ein Dorn im Auge.

Über Jahrzehnte war eine Kneipe in Lentföhrden Treffpunkt für Neonazis. In Kaltenkirchen gab es Demos von rechtsradikalen Aktivisten. Als Gegenmaßnahme wurde im Kaltenkirchener Jugendzentrum eine antifaschistische Gruppe gegründet. Aber dabei blieb es nicht, u.a. dank dem Lokalhistoriker Dr. Gerhard Hoch. Akribisch hatte Hoch die Nazi-Vergangenheit Kaltenkirchens und seiner Umgebung erforscht – und sich dabei nicht nur Freunde gemacht. Jahrzehntelang lag ein Deckmantel des Verdrängens und Beschweigens über den 12 Jahren des Nationalsozialismus und den NS-Gewaltverbrechen in der Region.

Auch das Außenlager des KZ Neuengamme, das im Kaltenkirchener Vorort Springhirsch 1944 errichtet wurde, geriet in Vergessenheit. Dagegen hat Hoch geforscht und politisch gekämpft, u.a. mit einer „Historischen Arbeitsgruppe“. Und somit lernten sich Gemballa und Hoch kennen.

Mitte der 90er Jahre wollten Gemballa und seine Kunstkommilitonin Maren Grimm einen Schritt weiter gehen im Kampf gegen das Vergessen. Für Grimm, die bereits mehrere Jahre als Dokumentarfotografin für archäologische Ausgrabungen gearbeitet hatte, war die „atmosphärische Grundstimmung“ der damaligen Zeit – die umstrittene Wehrmachtsausstellung oder die Erinnerungsdebatte nach der Wende ­– ein konkreter Grund aktiv gegen das Verdrängen vorzugehen. Nun galt es mit Bagger und Schaufel auf Spurensuche in Springhirsch zu gehen.

Als die beiden Kunststudenten plötzlich dastanden, war Hoch sehr erfreut. Schließlich hatten ihm immer größere Zweifeln geplagt, ob seine Forschungsarbeiten zu konkreten Ergebnissen führen würde. Aber dann fingen Grimm und Gemballa zwischen 1996 und 1998 mit einfachsten technischen Mitteln zu buddeln. Luftaufnahmen der britischen Luftwaffe dienten als Wegweiser für die Grabungsarbeiten. Das Ergebnis: Teile der ehemaligen Lagerstrukturen wurden freigelegt und mit Absperrband markiert. Zum ersten Mal seit Jahrzehnten konnte man sich ein Bild von den Größenverhältnissen des damaligen Lagers machen.

Gut 20 Jahre nachdem sich Grimm und Gemballa von der Aufklärungsarbeit zurückgezogen hatten, kamen die beiden wieder nach Springhirsch – zur im Jahr 2000 eröffneten KZ-Gedenkstätte Kaltenkirchen. Bei einer gut besuchten Veranstaltung führten Grimm, inzwischen Autorin und Filmmacherin u.a. an der Akademie der bildenden Künste in Wien, und Gemballa, Chef eines Hamburger Verlags und Fachmann für visuelle Kommunikation, einen elfminütigen Film über ihre damaligen Ausgrabungen vor.

Aber anders als damals war die nachfolgende lebhafte Diskussion nicht vom Verdrängen geprägt. Zudem sicherten die beiden Referenten eine weitere Zusammenarbeit mit der Gedenkstätte zu und versprachen, Unterlagen aus den 90er Jahren nochmals zu sichten und der Allgemeinheit zur Verfügung zu stellen. Angesichts des bevorstehenden Ausbaus der Gedenkstätte und der Planung einer neuen Dauerausstellung, die auch den politischen und gesellschaftlichen Umgang mit dem historischen Ort nach 1945 in den Blick nimmt, freut sich der Vorstand des Trägerverein der Gedenkstätte über die angebotene Unterstützung von Maren Grimm und Oliver Gemballa.

Foto: (v.l.n.r.) Thomas Käpernick (wissenschaftlicher Mitarbeiter der KZ-Gedenkstätte), Maren Grimm und Oliver Gemballa.

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