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Kaltenkirchen | Tausendfüßler Stiftung

Wie Integration gelingen kann

Kaltenkirchen (em) „Ich habe immer versucht, meinem Ziel entgegen zu gehen und nun ist plötzlich mein Ziel zu mir gekommen. Es ist für mich wie ein Traum,“ sagt Mohammad Ateja, und dabei leuchten seine Augen.

Seit Februar dieses Jahres arbeitet der gebürtige Syrer, der bei der Tausendfüßler Stiftung in Kaltenkirchen angestellt ist, als Schulsozialarbeiter im DaZ-Zentrum (Deutsch als Zweitsprache) an der Gemeinschaftsschule am Marschweg in Kaltenkirchen. Im Vordergrund seiner Tätigkeit steht dabei insbesondere die Unterstützung von Kindern und Jugendlichen, sich in unserem Schulsystem zurechtzufinden, und die Hilfe bei der Lösung ihrer persönlichen Probleme im Alltagsleben. Aber auch die Elternarbeit und die Beratungstätigkeit mit den Lehrkräften sind hier gefragt. Mohammad Atejas Job ist derzeit auf 20 Wochenstunden begrenzt, aber er hofft, bald eine volle Stelle zu bekommen, damit er seine Familie auch langfristig ernähren kann.

„Mohammad ist ein absoluter Glücksfall für uns“, bekräftigt Anke Kehrmann-Panten Geschäftsführung der Tausendfüßler Stiftung. „Sein Einsatz hat Modellcharakter. Denn er ist ein hervorragendes Beispiel dafür, wie Integration gelingt“. Und sie fährt fort: „Für Mohammad ist der Zugang zu den Schülerinnen und Schülern einfacher als für andere Schulsozialarbeiter, weil er ihren Hintergrund kennt und begreift. Die kulturellen Unterschiede bereiten den jungen Menschen oft große Schwierigkeiten. Und ihre Situation ist noch schwieriger, wenn sie allein in Deutschland sind, ihre Familien nicht dabeihaben und häufig über eine lange Zeit hinweg nicht wissen, wie es mit ihnen weitergeht.“ Marina Lorenz, Fachbereichsleiterin „Kinder und Jugend“ bei der Tausendfüßler Stiftung, ergänzt: „Es leistet ganz viel Beziehungsarbeit. Mohammad gelingt es immer wieder, ein intensives Vertrauensverhältnis zu den Eltern aufzubauen, was anderen Mitarbeitern nicht so leicht gelingen kann.“

Mohammad Ateja ist aber noch in zwei weiteren Beschäftigungsfeldern der Tausendfüßler Stiftung unterwegs. So leitet er zum einen den Kurs „Leben in Deutschland“ an der „Offenen Ganztagsschule“ (OGS) der Gemeinschaftsschule am Marschweg. In dessen Verlauf lernen Kinder und Jugendliche mit Migrationshintergrund, was in diesem Lande wichtig ist und welche Werte von zentraler Bedeutung sind. Wie gehen z.B. Männer und Frauen miteinander um? Was bedeutet Pünktlichkeit? Mohammad Ateja berichtet: „Ich muss viel erklären, mit den Kursteilnehmern intensiv reden. Aber auch ich lerne im Gespräch mit den Schülerinnen und Schülern ständig dazu.“ Die Tausendfüßler Stiftung ist Betriebsführerin der OGS in Kaltenkirchen und konnte dieses wichtige Angebot noch mit entsprechenden Mitteln finanzieren.

Schließlich kümmert sich Mohammad Ateja auch um das Projekt „Mittendrin“ im Jugendhaus Kaltenkirchen. Er begleitet hier Jungen und Mädchen aus dem DaZ-Zentrum in das Jugendzentrum. „Seit Mitte August haben wir eine Gruppe mit Mädchen aus verschiedenen Ländern mit unterschiedlichen Religionszugehörigkeiten, die sich im Jugendzentrum treffen und begeistert eigene Ideen umsetzen“, erklärt er. „So haben wir zum Beispiel zusammen gekocht und anschließend mit Jugendlichen und Mitarbeitern im Jugendhaus gemeinsam gegessen.“ Mohammad Ateja hatte zuvor mit den Eltern der Mädchen gesprochen und ihre Ängste hinsichtlich des Besuchs der Jugendeinrichtung beseitigt. Leider ist die Finanzierung des Projekts mit Landesmitteln im Aufgabenfeld der Familienzentren nur für fünf Monate gesichert. Anke Kehrmann- Panten: „Eine weitergehende Förderung halten wir für unbedingt sinnvoll. Mädchen mit Migrationshintergrund würden ohne dieses Angebot niemals in das Jugendhaus gehen. An diesem Ort findet auf völlig entspannte Art und Weise ein Kennenlernen kultureller Unterschiede statt, das ohne viele Worte zum Abbau von Vorurteilen führt. Leider endet diese wertvolle Arbeit Ende Dezember.“

Mohammad Atejas Einsatz ist von unschätzbarem, gesellschaftlichem Wert, wenn es um den Erfolg von Integration geht. Marina Lorenz macht deutlich: „Es ist ein roter Faden, der sich durch Mohammads Aufgabengebiete zieht: eine nachhaltige Begleitung junger Migranten über die Schulsozialarbeit über die ergänzenden Angebote der Offenen Ganztagsschule bis in den Freizeitbereich hinein. Eine solche Vielfalt und Nachhaltigkeit in der Beziehungsarbeit sind selten so erfolgreich umsetzbar.“ Anke Kehrmann-Panten ist es wichtig aufzuzeigen, dass Integration funktionieren kann: „Mohammad stellt eine kulturelle Bereicherung für uns alle dar. Uns beeindruckt sein hohes Maß an Toleranz, Respekt und Wertschätzung im Umgang miteinander. Und auch wir lernen durch ihn viel dazu.“ In den Teams der Tausendfüßler Stiftung sind Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter aus verschiedenen Ländern und mit unterschiedlichen Religionszugehörigkeiten tätig. Werteorientierung und respektvoller Umgang sind dabei das A & O im Miteinander. Die Stiftung bekennt sich damit zu ihrer gesellschaftlichen Verantwortung und will in einer Zeit der Verunsicherung und zuletzt zunehmender Ressentiments gegenüber Flüchtlingen ein positives und deutliches Signal setzen.

Interview mit Mohammad Ateja
Tausendfüßler: Bitte erzähle etwas über Dich und warum Du Deine Heimat verlassen musstest.
Mohammad: Ich heiße Mohammad Ateja, bin 37 Jahre alt und komme aus der Stadt Aleppo in Syrien. Dort habe ich Literatur studiert und als Lehrer gearbeitet. Ich habe 34 Jahre in Aleppo gelebt, und ich war nie in einer anderen Stadt. Aleppo war für mich ein Paradies, niemals hatte ich daran gedacht, woanders zu leben. Nach sieben Jahren Krieg haben sich die Verhältnisse in meiner Heimat aber vollständig verändert. Zuletzt habe ich in einem Zimmer in einem Teil Aleppos gewohnt, das zum Einflussgebiet der syrischen Opposition gehörte. Meine Arbeitsstelle lag dagegen in einem Gebiet, das von den Regierungstruppen kontrolliert wurde. Und schließlich lebten meine Eltern und Geschwister ca. 60 km entfernt in Ost-Aleppo; dort herrschte der IS. So konnte ich meine Verwandten drei Jahre lang nicht sehen. Ich war zerrissen im eigenen Land. Nachdem ich eine Einberufung zur Armee erhalten hatte, bin ich in die Türkei geflüchtet.

Tausendfüßler: Wie bist Du nach Deutschland gekommen und wie ging es dann weiter?
Mohammad: Ich bin zunächst zehn Monate in der Türkei geblieben, wo ich für eine Firma gearbeitet habe, die Gürtel herstellt. Dann habe ich es geschafft, mit einem kleinen Boot zusammen mit 48 Flüchtlingen, darunter viele Frauen und Kinder, Griechenland zu erreichen. Es war genauso, wie oft die Flucht über das Meer in den Nachrichten bzw. im Fernsehen dargestellt wird. Danach bin ich über die Balkanroute nach Deutschland gekommen, zunächst für drei Monate nach Kellinghusen in eine große Flüchtlingsunterkunft, dann nach Kaltenkirchen, wo ich in der Tennishalle an der Schirnau, dann am Kamper Stieg untergekommen bin. In dieser Zeit war ich überglücklich, für einige Wochen an der Flottkampschule in Kaltenkirchen hospitieren zu dürfen. Meinen Integrationskurs habe ich bestanden, die Prüfung war an einem Freitag, mein erster Arbeitstag im Globus-Baumarkt an einem Montag. Es lag mir viel daran, so schnell wie möglich zu arbeiten, denn ich wollte keine Unterstützung vom Jobcenter oder von anderen staatlichen Stellen. Ein Jahr später hat mich dann Frau Kehrmann-Panten angerufen und mir eine Arbeitsstelle als Schulsozialarbeiter angeboten. Ich kann sagen, dass ich sehr viel Glück gehabt habe, und bin sehr dankbar, dass ich diese Chance bekommen habe.

Tausendfüßler: Was ist mit Deiner Familie?
Mohammad: Da der Weg von der Türkei nach Griechenland zu gefährlich war, habe ich meine Frau und meine damals zwei Monate alte Tochter zunächst in der Türkei gelassen. Eine Flucht über das Meer wäre für sie zu gefährlich gewesen. Nach 18 Monaten durften beide aber in Deutschland einreisen. Seit März bin ich nun auch Vater eines Sohnes. Meine anderen Verwandten leben nach wie vor in der Türkei.

Tausendfüßler: War es schwer, in Kaltenkirchen eine Wohnung zu finden?
Mohammad: Ja, das war zunächst schwierig. Die Stadt Kaltenkirchen hat mir aber sehr dabei geholfen, eine passende Wohnung für meine Familie und mich zu finden.

Tausendfüßler: Du sprichst hervorragend Deutsch. Wo hast Du das gelernt?
Mohammad: Bei der Ankunft in Kaltenkirchen hat sich eine sehr nette Flüchtlingslotsin um mich gekümmert und mir die deutsche Sprache beigebracht. Wichtig ist für mich, Kontakte zu Deutschen zu haben. Während der Arbeit beim Baumarkt habe ich viel gelernt, und ich versuche ständig, mein Deutsch zu verbessern. Ich habe auch deutsche Freunde; mit einem Freund treffe ich mich regelmäßig in einem Café, um Kaffee zu trinken und zu reden. Die Sprache ist sehr, sehr wichtig: Nur so kann man reden und sich gegenseitig verstehen.

Tausendfüßler: Betreust Du auch Kinder und Jugendliche, die aus Kriegsgebieten kommen?
Mohammad: Ja, es sind vor allem solche aus dem Irak und aus Syrien, die viel Schlechtes gesehen und vor allem seelisches Leid erfahren haben. Das ist manchmal schwer zu ertragen. Ich habe die gleiche Geschichte wie viele Schüler, den gleichen Schmerz, die gleichen Probleme. Ich kenne den Weg, und das macht meine Arbeit einfacher.

Tausendfüßler: Wie stellst Du Dir Deine Zukunft vor?
Mohammad: Für mich ist die Sicherheit das Wichtigste. Ich möchte sehr gern in Deutschland bleiben und die Niederlassungserlaubnis erreichen. Wer drei Jahre in Deutschland ist, die Sprache sehr gut spricht, arbeitet und Steuern bezahlt, bekommt sie. Ich hoffe, dass es bald so weit ist. Dann bin ich auch vom Kopf her freier und kann mich noch besser um die Arbeit und die Familie kümmern. Die größte Unsicherheit wäre eine Änderung in der Politik. Ich hätte Angst, wenn z.B. gesagt wird, es gibt in Syrien keinen Krieg mehr und alle Flüchtlinge müssen zurück.

Tausendfüßler: Gibt es etwas, was Du vermisst?
Mohammad: Ich vermisse nur die schöne Zeit, die ich in Aleppo gehabt habe. Nach den Erfahrungen in den drei Jahren im Krieg will ich aber nicht mehr in Aleppo leben. Was sollte ich jetzt dort? Ich habe Freunde im Krieg verloren, sie sind gestorben. Meine Großeltern, Eltern, Tante und Onkel sind zu Fuß geflüchtet in die Türkei nach Gazaintep, nicht weit von Aleppo entfernt, wo sie auch heute noch leben. Der Weg für eine friedliche Lösung im Syrien-Krieg ist meiner Meinung nach ausgeschlossen, Baschar el-Assad bleibt der Machthaber. Es wird nie wieder, wie es war. Aber es gibt im Moment viel Wichtigeres als das Vermissen: Es geht um die Zukunft meiner Kinder. Und da bin ich jetzt hundertprozentig am richtigen Platz. Meine Familie hat hier eine Perspektive und kann ohne Angst leben.

Tausendfüßler: Hast Du nicht auch manchmal Angst in Deutschland?
Mohammad: Auf den Straßen in Kaltenkirchen habe ich keine Angst. Aber wenn ein Ausländer in Chemnitz, Berlin oder an anderen Orten etwas Böses tut, habe ich das Gefühl, dass alle Leute mich anschauen und denken, dass ich schuld bin. Ich war kürzlich bei einer Stadtvertretersitzung im Rathaus und habe dort viel Positives gehört. Es war unglaublich für mich, wie viele Deutsche dort gekämpft haben, um den Flüchtlingen Sicherheit zu bieten. Aber was ist, wenn ein Flüchtling hier in Kaltenkirchen eine Straftat begeht? Da hätte ich dann schon Angst.

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